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Auch in Marokko gibt es eine Menge zu erkämpfen!

Unser Stipendiat Majid Boudjaj im Gespräch mit Kathrin Vogler

 

Abdelmajid Boudjaj (Majid) aus Marokko besuchte uns vom 21. bis einschließlich 27. September als Stipendiat im IPS-Sonderprogramm Arabische Staaten. Er ist studierter Dolmetscher (arabisch-deutsch) und macht gerade seinen Master an der Fachhochschule in Tanger. Eine „Schnupperwoche“ im Bundestagsgetümmel während einer Sitzungswoche ist nichts für schwache Nerven, aber Majid hat durchgehalten und hatte auch Spaß und viel Gelegenheit, neue Eindrücke und politische Anregungen zu sammeln.

Der 31jährige ist Mitglied der "Vereinigten Sozialistischen Partei" (PSU) in Marokko, ein Genosse also, der sich in seinem Heimatland insbesondere im Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik engagiert. Kathrin Vogler hat sich, als Majids Patenabgeordnete und langjährige Gesundheitspolitikerin der Linksfraktion, mit ihm über ähnliche und unterschiedliche gesundheitspolitische Problemlagen im Vergleich Deutschland/Marokko unterhalten; Birke Bull, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, nahm sich Zeit, um mit Majid über bildungspolitische Fragen zu diskutieren. Dazwischen besuchten wir mit unserem Gast eine Sitzung des Arbeitskreises Außenpolitik, eine Fraktionssitzung und die Sachverständigen-Anhörung im Wirtschaftsausschuss zum Thema „Export von Rüstungsgütern verbieten“.

In Marokko teilen sich durchschnittlich 1.000 Einwohner einen Arzt, auf 10.000 Menschen kommen neun Krankenhausbetten, in Deutschland sind es 82, im Jemen nur 7. Insbesondere um die medizinische Versorgung der Landbevölkerung sei es sehr schlecht bestellt, berichtete Majid. Er erzählte, dass Menschen lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, bis zu zwei Monate auf eine Operation zu warten sei normal. Die relativ neue staatliche Krankenversicherung mit dem Namen RAMED soll sozial benachteiligten Menschen zwar einen Zugang zu medizinischer Versorgung bieten, aber die schlechte Infrastruktur, insbesondere der Ärztemangel auf dem Land, ist das große Problem. Fast die Hälfte aller marokkanischen Fachärzte praktiziert in Städten wie Casablanca, Marrakesch und Tanger.

Ärztemangel auf dem Land ist auch in Deutschland ein Dauerproblem. Kathrin berichtete von den verschiedenen Versuchen hier, junge Ärzte auf dem Land anzusiedeln, was nicht wirklich geholfen hat; aktuell sind 2613 Hausarzt-Praxen nicht besetzt, Tendenz steigend. Die Ärzte, so Kathrin, suchen nicht nur erschwingliche Praxisräume, sie wollen gute Schulen für ihre Kinder und ein möglichst hohen Verdienst. Da es auf dem Land aber zu wenig Privatpatienten gibt,  befürchten viele Ärzte Einkommenseinbußen, wenn sie aufs Dorf ziehen.

Marokko investiert aktuell 5,9 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in das Gesundheitssystem, womit das Königreich im Ländervergleich einen Mittelplatz einnimmt (Deutschland: 11,6 Prozent, Angola: 2,9 Prozent). Die Säuglings- und Kindersterblichkeit ist seit den 1960er Jahren um mehr als 70 Prozent gesunken und mit 73 Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung In Marokko höher als in vielen anderen afrikanischen Ländern. Majid hält mobile Ärzteteams für eine gute Möglichkeit insbesondere die Landbevölkerung zu versorgen, was Kathrin bestätigte, gerade was Prävention, Impfungen und die medizinische Betreuung älterer Menschen betrifft, bewähren sich solche Angebote. Die strukturellen Ursachen des Ärztemangels in Marokko haben andere Gründe als in Deutschland, so Majid. Da ist das geringe Einkommen für Ärzte, das in Marokko mit 700 Euro gegenüber den Anfangsgehältern von Uni-Absolventen anderer Fachrichtungen (450 bis 500 Euro) zwar relativ hoch ist, aber viele Marokkaner, die im Ausland studieren, kehren nicht ins Land zurück, weil sie anderswo schlicht mehr verdienen können. Die Unterversorgung mit Medizinern, geringe Einkommen und insgesamt hohe Lebenshaltungskosten führen dazu, dass viele hilfesuchende Menschen Bestechungsgelder zahlen, um die Wartezeiten für Untersuchungen zu verkürzen oder an notwendige medizinische Behandlungen zu kommen.

Die Korruption im Gesundheitswesen zu überwinden, sieht Majid als eine der größten Herausforderungen in der Sozialpolitik Marokkos. Kathrin schilderte, dass zum Beispiel Kuba diese Missstände dadurch in den Griff bekommen hat, indem junge Leute der armen Landbevölkerung gezielt geworben und gefördert werden. Der kubanische Staat zahlt ihnen das Medizinstudium und verpflichtet sie zugleich, mitzuhelfen, die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern.

Ein gerechteres Schul- und (Aus-)bildungssystem ist auch für Majid der Dreh- und Angelpunkt, um die soziale Situation in seinem Land zu verbessern. Es gibt sehr viel Unzufriedenheit, 40 Kinder in einer Grundschulklasse sind nicht unüblich, weshalb viele Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder in Privatschulen anmelden. Majid erzählte auch, dass der marokkanische Staat dabei ist, eine stärkere Binnenwirtschaft aufzubauen. Neben dem Tourismus, eine der wichtigsten Einkommensquellen, werden gezielt ausländische Investoren angeworben, die in Marokko keine Steuern zahlen, dafür aber Industrie- und Gewerbearbeitsplätze schaffen müssen, um das Wirtschaftswachstum im Land anzukurbeln und den Exporthandel zu stärken. Auch hier waren sich Kathrin und Majid einig: es gibt jede Menge politische Ansatzpunkte für die Sozialist*innen in Marokko, um gemeinsam für ein besseres Sozialsystem, bessere Arbeitsbedingungen und gute Löhne zu kämpfen.

 


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