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Frauen-Solidarität gegen das Vergessen: Kurdisches Gedenken in Düsseldorf

Vor acht Jahren ermordeten Agenten des türkischen Geheimdienstes die kurdischen Aktivistinnen Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez in Paris. Die Tat ist bis heute ungesühnt. Kathrin Vogler sprach heute zum Gedenktag auf der u.a. vom Kurdischen Frauenbüro für Frieden e.V. veranstalteten Kundgebung in Düsseldorf.

 

Kundgebung in Düsseldorf, 9. Januar 2021, ab 14.00 Uhr am DGB-Haus/Friedrich-Ebert-Straße

In der Einladung zur Gedenkveranstaltung hieß es: "Am 9. Januar jährt sich die Ermordung der kurdischen Revolutionärinnen Sakine Cansiz, Leyla Şaylemez und Fidan Doğan zum achten Mal. Die kurdischen Aktivistinnen wurden am 9. Januar 2013 in Paris durch den türkischen Geheimdienst MIT ermordet. ... Die Straflosigkeit der Täter stellt eine Einladung für neue Massaker dar. Um diesen Zuständen endlich ein Ende zu setzen, politische Aktivist*innen weltweit zu schützen und unsere Solidarität auszusprechen, müssen wir uns entschlossen dagegen stellen und Gerechtigkeit fordern."

 

Kathrin Voglers Rede auf der Kundgebung:
Wir ehren Sakine, Leyla und Fidan im alltäglichen Leben, wenn wir für die Menschenrechte, den Frieden und die Demokratie einstehen

Rojbas und guten Tag!

Ich überbringe euch die solidarischen Grüße der Linken im Bundestag und der NRW-Linken. Ganz besondere Grüße soll ich von den linken sozialistischen Frauen unserer AG LISA ausrichten, die heute leider nicht hier sein können.

Ich erinnere mich noch gut an den 9. Januar 2013, als die Meldung von der Ermordung dreier kurdischer Aktivistinnen in Paris bei mir zuhause über den Bildschirm flimmerte. Ich war aufgewühlt und wütend. Wie konnte es sein, dass mitten in einer europäischen Hauptstadt der türkische Geheimdienst am hellen Tag politische Morde verübt? Ich habe mich gefragt, was das für das Verhältnis der EU-Länder zur Türkei bedeutet und konnte mir gleich selbst die Antwort geben: Nichts. Der NATO-Partner Türkei kann sich immer noch und immer wieder alles herausnehmen. Der Despot Erdogan kann Journalist*innen wegsperren, Aktivist*innen foltern, Milizen finanzieren und Waffen nach Libyen liefern lassen. Er kann sogar das Völkerrecht brechen und Teile von Nachbarländern unrechtmäßig besetzen lassen, wie die Region Afrin, ohne dass das irgendwelche Konsequenzen hat. Das dürfen wir den europäischen Regierungen und auch der Bundesregierung nicht mehr durchgehen lassen! Wir sagen: Keine Waffe, keine Patrone und keinen Euro für Erdogan und sein korruptes, gewalttätiges System!

Wenn ihr mich fragt, was das Besondere an der kurdischen Freiheitsbewegung ist, dann ist das für mich die Rolle der Frauen. Sie sind das Herz und der Kopf eurer Bewegung und deswegen war der Anschlag vor acht Jahren aufSakine Cansiz, Leyla Saylemez und Fidan Dogan auch ein Angriff, der euren Kopf und euer Herz treffen sollte. Wir trauern gemeinsam um diese starken Frauen, aber wir bleiben nicht in Trauer stehen. Denn nicht im stillen Gedenken ehren wir die drei, sondern im alltäglichen Leben, wenn wir für die Menschenrechte, den Frieden und die Demokratie einstehen und wenn wir deutlich machen: Wir Frauen sind es, die eine bessere Welt schaffen können!

Leyla, Sakine und Fidan waren dem türkischen Despoten und seinen Helfershelfern nicht nur deswegen verhasst, weil sie Kurdinnen waren und weil sie Freiheitskämpferinnen waren, sondern auch ganz besonders deshalb, weil sie als Frauen es wagten, ihre Stimme zu erheben und selbstbewusst in die Politik einzugreifen. Überall da, wo Frauen sich erheben und für ein besseres Leben kämpfen, treffen wir auf den Hass und die Verachtung von Männern, die um ihre Macht und ihre Vorherrschaft fürchten.

Trotzdem werden wir immer mehr, weltweit, und das Beispiel unserer kurdischen Schwestern in Rojava, die an einem demokratischen Gemeinwesen mitarbeiten, das viele Völker und viele Religionen friedlich vereint, inspiriert Frauen in aller Welt, patriarchale und kapitalistische Machtverhältnisse nicht einfach still und demütig hinzunehmen.

Wir wollen eine andere Gesellschaft, eine, in der gleiche Rechte für alle Menschen selbstverständlich sind und dafür müssen wir aufstehen und uns bewegen! Das gilt natürlich auch hier, in unserem Land. Menschenrechte sind unteilbar und Frauenrechte sind Menschenrechte. Dass wir Frauen noch immer in Billigjobs mit unsicheren Bedingungen gedrängt werden - das nehmen wir nicht hin.

Dass Frauen für dieselbe Arbeit weniger Geld bekommen als Männer, das nehmen wir nicht hin.

Und dass die Bundesregierung zwar von feministischer Außenpolitik redet, aber dem frauenfeindlichen Erdogan-Regime weiter Waffen liefert, das nehmen wir erst recht nicht hin!

Der großartige Schriftsteller Isaac Asimov hat einmal gesagt: "Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen". Eine Regierung, die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung und gegen Nachbarländer ausübt, die Minderheiten unterdrückt und die Opposition verfolgt, zeigt damit nur, dass sie unfähig ist, das Land zu regieren, es zu vereinen und die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen.

Die Despoten wie Assad und Erdogan, deren Macht auf Gewalt und Unterdrückung angewiesen ist, sind nur vorübergehende Erscheinungen der Geschichte. Sie werden verschwinden und die Menschen werden ihr Zusammenleben in Gleichheit, Respekt und Solidarität neu organisieren. Dieser Tag wird kommen. Für uns alle.

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Weitere Informationen des Kurdischen Frauenbüros für Frieden gibt es hier.

Berichte über weitere Gedenkveranstaltungen in dieser Woche aus Paris und der Türkei

 


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