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Hiroshima-Tag 2022 in Büchel

Hiroshima-Tag in Büchel: Eine Fehlberechnung entfernt von der nuklearen Vernichtung

Kathrin Vogler in ihrer Rede zum Hiroshima-Tag am 6. August 2022 im Rahmen der Abgeordneten-Mahnwache am Atomwaffenstandort Büchel/Rheinland-Pfalz: "Wir müssen die Religion der atomaren Abschreckung überwinden - wann, wenn nicht jetzt?"

Die Friedensgruppe Daun hatte für den Hiroshima-Tag am 6. August 2022 zum fünften Mal zu einer Mahnwache vor dem Tor des Fliegerhorstes Büchel eingeladen. Zu der Veranstaltung waren insbesondere auch Parlamentarier'*innen und Politiker*innne eingeladen, die sich dem ICAN-Appell an die Bundesregierung angeschlossen haben, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen.

Zunächst versammelten sich die Teilnehmenden vor dem Tor des Fliegerhorsts Büchel zu einer Gedenkminute für die Opfer der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945.

Im Anschluss sprachen Kathrin Vogler, MdB DIE LINKE, Julian Joswig, B90/Die Grünen Rheinland-Pfalz, und Angelika Claußen als Vorsitzende der IPPNW u.a. zum Thema „Der Atomwaffenverbotsvertrag - Wie geht es weiter? Erster Schritt: Verzicht auf die Erstschlagsoption“.

 

Kathrin Voglers Rede (auf Video):

Liebe Freundinnen und Freunde,

„Heute ist die Menschheit nur ein Missverständnis, eine Fehlberechnung entfernt von der nuklearen Vernichtung.“ Mit diesen Worten hat der UN-Generalsekretär Antonio Guterres den Regierungsvertreter*innen bei der Konferenz zum Nichtverbreitungsvertrag deutlich gemacht, wie ernst die Lage und wie wichtig die nukleare Abrüstung ist. Nur ein Missverständnis, eine Fehlberechnung. Das können wenige Sekunden sein, in denen ein Radarsystem, ein Computer und ein paar intelligente, aber nicht unfehlbare Primaten über die Fortexistenz der menschlichen Zivilisation entscheiden.

Bertolt Brecht schrieb einmal:

Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.

Wir sehen das hier, vor den Atomwaffenhangars der Bundeswehr in Büchel. Hier liegt das Material für den Untergang der Menschheit in harmlos wirkenden Hallen. Und so harmlos wie hier sieht es weltweit an den Standorten der schätzungsweise 12.705 Atomsprengköpfe aus, die die Militärs von Russland, den USA, China, Frankreich, Großbritannien, Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea aufbewahren, um sie, wie sie immer wieder betonen, möglichst nicht einzusetzen.

Ein Missverständnis, eine Fehlberechnung oder verbrecherische Menschenfeindlichkeit können dieses Arsenal entflammen und uns alle ohne Chance auf Berufung zum Tode verurteilen.

Es ist unsere Aufgabe, das Gedächtnis wachzuhalten. Deswegen stehen wir hier am Tag, an dem vor 77 Jahren die erste Atombombe auf Hiroshima fiel. Der 6. August 1945 darf nicht vergessen werden. Nicht das Feuer, die unendlichen Schmerzen, die Leichen in den Straßen und unter den Trümmern der zerstörten Häuser. Der Geruch nach verbrannten menschlichen Körpern. Der schwarze, ölige Regen. Nicht vergessen dürfen wir die Strahlenkrankheit, welche die Überlebenden wünschen ließ, sie seien unter den Toten gewesen oder die kranken und entstellten Babies, die noch Jahre und Jahrzehnte später geboren wurden.

Wir müssen auch im Sinne Brechts unsere Vorstellungskraft schärfen. In Hiroshima und Nagasaki war es jeweils eine Bombe. Wir haben als Menschheit keine Erfahrung damit, was passiert, wenn 10, 50 oder zweihundert Atombomben explodieren. Wir haben hierfür nur Berechnungen und Computersimulationen und die warnen uns:

Ein Atomkrieg mit 100 nuklearen Sprengköpfen würde nicht nur regionale Verwüstung und millionenfaches Sterben bedeuten, sondern auch unsere Umwelt in einem Maß verändern, wie das bisher nur Meteoriten oder Megavulkane getan haben. Nach dem Tod durch Explosionen, Feuer und Strahlung käme das Massensterben durch Hunger. Wie stark schon ein konventioneller regionaler Krieg die Welternährung beeinflussen kann, sehen wir ganz aktuell. Weil Russland die Ukraine überfallen hat, hungern Kinder in Afrika und Lateinamerika und verteuert sich auch das Essen auf unseren Tellern. Krieg betrifft schon lange nicht mehr nur die, die ihn führen, sondern alle, die gesamte Menschheit. Bei einem Atomkrieg wäre das noch viel stärker so, denn weder der Fallout noch der nukleare Winter halten sich an Ländergrenzen.

Deswegen ist die Abschaffung der Atomwaffen nicht nur humanitär und völkerrechtlich geboten, sondern auch ein Beitrag zur Demokratisierung der Weltgemeinschaft. Aktuell haben wir die Situation, dass neun Staaten über die Möglichkeit verfügen, allen anderen mit der Auslöschung der Menschheit zu drohen. Neun Staaten von über 194 haben die Technologie und wenden sie an, um ihren Interessen gegenüber denen anderer einen besonderen Nachdruck zu verleihen. Fünf davon haben sogar die Macht, durch ihr Veto Entscheidungen des UN-Sicherheitsrats zu verhindern, selbst wenn sie damit allein gegen die ganze Weltgemeinschaft stehen. Und das kann nicht gerecht sein.

Wenn uns nun die Verharmloser*innen und Beschwichtiger*innen sagen, dass sie ja eigentlich auch eine Welt ohne Atomwaffen wollen, aber leider gerade jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür sei, weil ja die jeweils andere Seite so hoch gerüstet und aggressiv sei, dass man sie abschrecken müsste, dann brauchen wir wieder unser historisches Gedächtnis:

Seit dem 6. August 1945 gab es weit mehr als eine Gelegenheit, die Atomwaffen zu verbieten, abzuschaffen und diese Geißel der Menschheit vom Angesicht unseres Planeten zu fegen. Keine dieser Gelegenheiten war den Politiker*innen, die diese Waffen als Machtmittel sehen, gut genug. Und immer waren es die Anderen, die diesem Fortschritt im Wege stehen. Und nun ist es der Überfall der russischen Armee auf die Ukraine, ein Nachbarland, das im Budapester Memorandum den Besitz von Atomwaffen eingetauscht hat gegen eine umfassende Garantie seiner Sicherheit und seiner territorialen Integrität. Seht her, halten sie uns vor: Hätte die Ukraine nicht mehr Sicherheit gehabt, wenn sie ihre Atomwaffen behalten hätte?

Ich lade euch ein, mit auf eine Reise durch unser Vorstellungsvermögen zu kommen. Stellen wir uns vor, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Pakts hätten sich die Regierenden der Atomwaffenstaaten zusammengesetzt und eine radikale und vollständige nukleare Abrüstung vereinbart. Unter Kontrolle der UNO und der IAEO wären die Atomwaffenprogramme ausgelaufen und die existierenden Arsenale Stück für Stück vernichtet worden. Zehntausende nukleare Sprengköpfe wären nach und nach unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen demontiert und untauglich gemacht worden.

Natürlich hätte es auch Rückschläge gegeben: militaristische Präsidenten, die die Umsetzung der Vereinbarungen verzögerten, technische Schwierigkeiten, Probleme bei der Entsorgung des radioaktiven Materials – aber nach dreißig Jahren konnte der UN-Generalsekretär am 6. August 2020 bei einem Empfang in Hiroshima erklären: „Die Völker der Welt können aufatmen: Atomwaffen existieren nicht mehr.“

Schaffen wir es, uns vorzustellen, welche gigantischen Auswirkungen das auf die Dynamik der internationalen Politik gehabt hätte? Welches enorme Vertrauen unter den Großmächten im Laufe dieses Prozesses hätte entstehen müssen? Welche gemeinsamen Institutionen, Konferenzen und Rituale sich herausgebildet hätten? Es ist schwer, sich das aus der heutigen Perspektive überhaupt vorzustellen. Aber wenn wir so weit sind, dann sollten wir uns auch fragen, ob es in so einer atomwaffenfreien Welt vorstellbar wäre, dass am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ostukraine vordringen und der russische Präsident behauptet, eine Spezialoperation zur „Entmilitarisierung“ der Ukraine durchzuführen?

Tatsächlich ist es nicht das Fehlen von Atomwaffen, welches uns immer wieder an den Rand der kollektiven Selbstvernichtung bringt, sondern die fehlende Bereitschaft der Herrschenden, dieses ultimative Terrorinstrument aufzugeben.

Deswegen bleibt es an uns, das Gedächtnis an das Verbrechen der Atomwaffenabwürfe und das Vorstellungsvermögen für die Folgen eines Atomkriegs wachzuhalten.

Deutschland muss raus aus der nuklearen Teilhabe und dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten.

Die Religion der atomaren Abschreckung muss überwunden werden.

Wann, wenn nicht jetzt!

 

Weitere Infos:

Medien-Echo:

Siehe auch: "Atombomben in Büchel und Atombomber in Nörvenich?"
Webtalk mit Kathrin Vogler und Marvin Mendyka vom Netzwerk Friedenkooperative (12.03.2021)