Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Medikamentenmarkt und Preisgestaltung in Frankreich

Fazit aus der Ausschussreise des Ausschusses für Gesundheit nach Paris

Vom 23. Bis 25. Juni 2010 habe ich mit Kolleginnen und Kollegen der anderen Bundestagsfraktionen an einer Ausschussreise nach Frankreich teilgenommen. Wir haben dort verschiedene Akteure aus der Gesundheitspolitik, darunter die Ministerin Rocelyn Bachelot und Gesundheitspolitikerinnen und –politiker aus Senat und Nationalversammlung getroffen und uns zu diversen Themen ausgetauscht.

In diesem Bericht konzentriere ich mich nach einer allgemeinen Übersicht auf den Arzneimittelmarkt, weil dies auch in der aktuellen Debatte in Deutschland eine Kernfrage ist. Weitere Themen, auf die in diesem Bericht nicht eingegangen wird, waren die Struktur des französischen Gesundheitswesens, die Substitutionstherapie bei Heroinabhängigen und die anonyme Geburt.

Das französische Gesundheitssystem ist im Gegensatz zum deutschen sehr viel stärker egalitär und zentralistisch aufgebaut. Alle Menschen sind in der Grundversicherung abgesichert, Arme ohne Beitrag und ohne Zuzahlungen. Die Grundversicherung deckt zwischen 35 und 100% einzelner Gesundheitsleistungen. Chroniker, Kinder, Arme sind von Zuzahlungen befreit. 93% der Menschen haben eine private Zusatzversicherung, die bis zu 100% Kostenerstattung bietet. Auch Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus sind vollständig gesundheitlich abgesichert.

Die Finanzierung des Gesundheitssystems erfolgt anders als in Deutschland zu einem Drittel vom Arbeitnehmer, zu zwei Dritteln vom Arbeitgeber. Der Arbeitgeberanteil beträgt derzeit 12,8% der Lohnsumme, der Arbeitnehmeranteil 0,75. Dazu kommt eine Sozialsteuer von 7,5% und eine Sozialschuldenfinanzierungssteuer von 0,5%, Das Parlament legt jährlich ein Ausgabenziel fest, an dem sich alle Akteure orientieren müssen. Ein Komitee zur Ausgabenüberwachung kontrolliert die Einhaltung dieses Budgets und warnt bei Überschreitungen. Insgesamt sind die Ausgaben seit der Einrichtung dieses Kontrollinstruments zurückgegangen. 

Der Standard des französischen Gesundheitswesens ist hoch, das sind allerdings auch die Kosten. Im OECD-Vergleich liegt Frankreich noch vor den skandinavischen Ländern, was den Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP betrifft. Freie Wahl bei Arzt und Krankenhaus, hohe Arzt- und Apothekendichte, hohe Lebenserwartung, allerdings auch hoher Medikamentenverbrauch, vor allem auch Antibiotika.

Familienpolitik gehört zur Sozialpolitik, alle Leistungen für Familien, Krippen, Tagesbetreuung etc. werden aus der Sozialversicherung gedeckt. Die Sozialabgaben in Frankreich decken all diese Bereiche ab.

Aktuell beherrscht die Auseinandersetzung um die Rente die Öffentlichkeit. Die Regierung Sarkozy will das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre heraufsetzen. Allerdings gibt es in Frankreich eher noch weniger Arbeitsplätze für ältere Beschäftigte als in Deutschland.

Arzneimittelpolitik:
Gegenüber vergleichbaren Ländern wird in Frankreich ein großer Teil des BIP (1,8%) für  Arzneimittel ausgegeben. Die Ärzte verschrieben besonders neue und teure Medikamente häufig und die Patienten verlangen danach. Mehrere Gesprächsteilnehmer, auch aus dem konservativen Lager, klagten über die Omnipräsenz und die Macht der Pharmaindustrie.

Bei den Preisen liegt Frankreich im Mittelfeld, dennoch stiegen die Kosten, das scheint sich aber inzwischen abzuflachen. Das liegt daran, dass es länger keine Blockbuster gegeben hat.

Nach Zulassung über die Europäische Zulassungsbehörde EMEA erfolgt eine Nutzenprüfung durch Hohe Gesundheitsbehörde. Das Ministerium legt Preis und Erstattungsrate fest über Kriterium „Grad des medizinischen Nutzens“ (SMR). Grundlage des SMR ist ein Dossier der Industrie, das von einer Expertenkommission geprüft wird. Dieser SMR beinhaltet zwei Kriterienraster mit 5 Stufen zum Innovationsgrad und zum Nutzen. 2007 endeten 41% der neuen Medikamente in Stufe 5 = Keine Verbesserung. Auch die Pharmaindustrie und die privaten Zusatzversicherer sind in dem zentralen Lenkungskomitee für Arzneimittelpolitik vertreten.  Grundlage der Verhandlungen ist auch eine Preis-Mengen-Vereinbarung.

Sobald ein Generikum auf den Markt kommt, sinkt der Preis des Originals automatisch um 15%.

Die Leitung des Lenkungsausschusses ist entscheidend für die allgemeine Akzeptanz. Die Industrie bekommt eine Preisgarantie für zunächst 2 oder drei Jahre, dann erst wird gesenkt, der Preis wird alle 3 bis 5 Jahre wieder auf den Prüfstand gestellt. Das gleiche Preisbildungssystem gilt auch für Medizinprodukte.

In Frankreich gibt es vergleichsweise viele Apotheken, versorgt in Deutschland eine Apotheke 3800 Menschen, so teilen sich in Frankreich 2200 Menschen eine Apotheke. Die Apotheker haben variable Gewinnspannen. Sie erhalten pro Packung eine Beratungspauschale von 53 ct. Obwohl sie beim Verkauf von Generika höhere Prozentsätze erhalten, gibt es in Frankreich nur einen schwachen Generikamarkt.

In Frankreich sind Werbung und Marketing für Medikamente auch ein Thema bei den Preisverhandlungen. Es gibt eine Werbungssteuer auf Pharmareferenten, Kongresse, Printmedien etc., die jedes Jahr 300 Millionen Euro einbringt. Freiwillige Vereinbarungen mit der Ärzteschaft über Senkung von Verschreibungen blieben nur bedingt erfolgreich, deswegen denkt die Politik jetzt über Sanktionen nach.

Kathrin Vogler, 6.7.2010