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Sexarbeit befreien statt verbieten!

Ein etwas zugespitzter Beitrag zur Prostitutionsdebatte von Kathrin Vogler

Nach einer Umfrage der Zeitschrift "Brigitte" haben 88 von 100 Männern schon einmal für sexuelle Dienstleistungen bezahlt. Und 47% der Befragten gaben an, mindestens monatlich zu Prostituierten zu gehen. Ver.di geht davon aus, dass in Deutschland 1,2 Millionen Männer pro Tag gekauften Sex haben. Prostitution ist also allgegenwärtig. Und nahezu neun von zehn Männern sind tatsächlich Freier - wenigstens einmal im Leben. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass es in Deutschland ca. 200.000 bis 400.000 Menschen gibt, die zumindest teilweise ihr Einkommen aus sexuellen Dienstleistungen beziehen - also Prostituierte beiderlei Geschlechts. Männer sind allerdings unterrepräsentiert, Frauen als Kundinnen sind eine Ausnahme, aber auch das gibt es. Der Umsatz bewegt sich vermutlich um die 15 Milliarden Euro jährlich. Diese Zahlen belegen, dass Prostitution keine Randerscheinung ist und offenbar weit verbreitete Bedürfnisse erfüllt.

Sexualität in ihren vielfältigen Ausprägungen ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Und eigentlich sind wir uns einig, dass sich einvernehmliche sexuelle Kontakte Erwachsener einem Eingriff des Staates entziehen. Warum sollte dabei eine Rolle spielen, ob sie auch Warencharakter haben? Und wo sind die Grenzen? Beim Cocktail, den der Sexualpartner nach dem Akt in der Schwulensauna ausgibt? Bei der Einladung zum Sterne-Dinner vor dem One-Night-Stand? Oder erst dann, wenn die Belohnung für sexuelle Dienste in bar gezahlt wird?

Wenn wir über Selbstbestimmung reden, dann schließt diese auch das Recht ein den eigenen Körper zu schädigen. So betrachten wir das, wenn es um den Konsum von Lebens- oder Genussmitteln geht, um Piercing oder kosmetische Operationen. Man muss dabei weder den exzessiven Genuss von Fastfood, den Konsum potenziell tödlicher Substanzen wie Tabak und Alkohol noch das Herumoperieren an eigentlich gesunden Körpern positiv oder wünschenswert finden. Aber hat der Staat das Recht, dieses zu verbieten oder gar zu kriminalisieren? Er greift hier aus gutem Grund höchstens regulierend im Sinne des Arbeits-, Jugend- und Verbraucherschutzes ein. Das war und ist bisher auch die Grundlage der Arbeit unserer Bundestagsfraktion.

Wenn eine erwachsene Frau oder ein erwachsener Mann sich dafür entscheidet, sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt anzubieten oder solche Dienstleistungen zu konsumieren dann ist das ebenso vom Recht auf Selbstbestimmung gedeckt wie die Entscheidung als Friseur, Klempnerin oder Hausmann zu arbeiten bzw. die Dienste einer solchen Fachkraft in Anspruch zu nehmen.  

Das ist die Theorie. Aber wahr ist auch: Viele werden durch Armut, Dauerarbeitslosigkeit oder Abhängigkeit von illegalisierten Drogen in die Prostitution gedrängt und damit nahezu beliebig ausbeutbar. Durch unsichere Lebens- und Bleiberechtsperspektiven werden vor allem ausländische Frauen und Männer in Prostitution gezwungen, die eigentlich ihren Lebensunterhalt anders verdienen wollen. Gewaltverhältnisse und Ausbeutung finden sich allerdings in unserer Gesellschaft bei weitem nicht nur in der Prostitution. Eine linke Sicht auf die Prostitution darf die soziale Lage und die strukturelle Gewalt der Verhältnisse nicht ausblenden, sie muss insgesamt den gewalttätigen Charakter von Kapitalismus und Patriarchat angreifen.

Tatsächlich kann Selbstbestimmung nur dort funktionieren, wo eine reale Wahl existiert. Wenn Menschen, die aus EU-Ländern auf Arbeitssuche zu uns gekommen sind, nur die Wahl zu haben scheinen, ihren Körper bei 12-Stunden-Schichten in den Schlachthöfen oder auf dem Straßenstrich bei ähnlich miserablem Stundenlohn zu ruinieren - dann ist das Eine wie das Andere brutale Ausbeutung, gegen die wir streiten müssen.

Wenn Frauen und Männer, die von illegalisierten Drogen abhängig sind, gerade wegen der Illegalität dieser Suchtmittel mehr Geld beschaffen müssen als sie mit anderer Arbeit erzielen könnten, auch dann ist Prostitution keine frei gewählte, sondern eine durch die Gewalt der Verhältnisse aufgezwungene Tätigkeit.

Die richtige Schlussfolgerung muss also sein, erwachsenen Menschen die freie Wahl zu ermöglichen, ob sie Sex verkaufen wollen oder nicht. Dazu braucht es zumindest eine existenzsichernde, sanktionsfreie Mindestsicherung und ungehinderten Zugang zu Sozialleistungen auch für MigrantInnen, aber auch eine regulierte Legalisierung von Drogen - alles Forderungen der LINKEN.

Den Prostituierten selbst müssen Arbeitsbedingungen gesichert werden, die soziale Absicherung, Schutz vor Gewalt und Ausbeutung und gesundheitliche Vorsorge ermöglichen und die sie vor Stigmatisierung und Diskriminierung schützen. Dazu müssen z.B. die AIDS-Hilfen und die Gesundheitsämter entsprechend ausgestattet werden, um auch MigrantInnen in ihrer Muttersprache erreichen zu können. Nachgedacht werden sollte auch über Mindesthonorare für sexuelle Dienstleistungen und Einstiegsberatungen, in denen die SexarbeiterInnen über ihre Rechte, über Fragen des Gesundheitsschutzes und der sozialen Absicherung beraten werden.

Die Illegalisierung von Freiern ist die schlechtest mögliche Maßnahme. Sie drängt die Prostitution insgesamt in die Illegalität und fördert mafiöse Strukturen und Menschenhandel. Sie stigmatisiert und diskriminiert die SexarbeiterInnen. Das sehen wir auch anhand der Entwicklung in Schweden. Vergleichbar ist das mit dem Drogenhandel: Es gibt keinen Beleg dafür, dass Prohibition jemals ein von menschlichen Bedürfnissen getriebenes Verhalten wirksam bekämpft hätte. Weder das Bedürfnis nach Rausch noch das Bedürfnis nach Sex wird durch Strafandrohung verdrängt. Und es gibt nun einmal auch das Bedürfnis nach unverbindlichem, nicht auf Beziehungen basierendem Sex. (Für viele Menschen mit Behinderungen ist die Inanspruchnahme von Prostituierten sogar die einzige Möglichkeit, überhaupt sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen.) Eine Welt ohne Prostitution ist in meinen Augen keine positive Utopie mit revolutionärem Anspruch, sondern ein Ausdruck eines verklemmten, an bürgerlichen Normen und Werten orientierten Menschenbildes, einer Körper- und Lustfeindlichkeit, die zu einer Alice Schwarzer passt, die sich Linke aber eher nicht zu eigen machen sollten.

Für uns LINKE sollte klar sein: Wir streiten für die Freiheit aller Menschen, Lebensentwurf und Lebensweise selbst bestimmen zu können. Ob homo-, hetero-, bi- oder metrosexuell, ob auf Ehe und Familie gepolt, Single oder in wechselnden Beziehungen lebend. Dies muss auch für Männer (und Frauen) gelten, die sexuelle Befriedigung bei Prostituierten suchen. Unser Fokus sollte darauf gerichtet sein, die sozialen Bedingungen für SexarbeiterInnen zu verbessern und ihnen größtmögliche Selbstbestimmung und Gesundheitsvorsorge zu ermöglichen. Ein "Sexkaufverbot" ist hierzu nicht hilfreich. 

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