Der letzte echte Sozialdemokrat - Jakob Maria Mierscheid zum Achtzigsten
Auch an dieser Stelle möchte ich mir nicht entgehen lassen, meinem sehr geschätzten Abgeordnetenkollegen Jakob Maria Mierscheid (SPD) zu seinem achtzigsten Geburtstag zu gratulieren, den er am ersten März dieses Jahres in aller Stille beging. Ich hätte dies natürlich auch persönlich getan, wenn nicht der Kollege Mierscheid sich, wie so häufig, auch an diesem seinem Ehrentag wieder äußerst bedeckt gehalten hätte. Selbst die Glückwünsche von Bundestagspräsident Lammert vor dem außerordentlich gut gefüllten Plenarsaal konnte er nicht persönlich entgegennehmen. Jakob M. Mierscheid ist einer der wenigen Sozialdemokraten im Bundestag, der noch nie einen unfairen Angriff gegen meine Fraktion vorgetragen hat. In einem berühmten Interview mit dem "Spiegel" im Jahr 2005 schloss er ja auch eine Koalition mit der LINKEN ausdrücklich nicht aus. Vielleicht ist er ja sogar der letzte echte Sozialdemokrat in diesem Haus. Auch muss ich ihm zugute halten, dass er noch nicht ein einziges Wort zur Rechtfertigung der Agenda 2010 oder zur Begründung von Bundeswehreinsätzen verloren hat. Abstimmungen zu Bundeswehrmandaten bleibt er konsequent fern und auch Gerhard Schröder konnte ihn mit seinen Erpressungsmanövern 2001 diesbezüglich nicht umstimmen.
Seit 1979 gehört Mierscheid nun dem Bundestag an und hat noch nicht einem Gesetz zugestimmt, mit dem soziale Leistungen gekürzt oder die Umverteilung von unten nach oben gefördert wurde. Ich habe ihn gefragt, wie er das geschafft hat. Auf seine ganz unnachahmliche Art hat er verschmitzt gelächelt und gesagt: "Warte es ab. Die brauchen mich noch. Deswegen kann ich mir das erlauben."
Unvergessen bleibt sein demokratietheoretisches Werk, in dem er das "erste mierscheidsche Gesetz" entwickelt, das die Wahlergebnisse der deutschen Sozialdemokratie in unmittelbarer Relation zur Höhe der inländischen Rohstahlproduktion betrachtet. Als ich ihn kürzlich in der Bundestagskantine traf, berichtete er mir, dass er an einer Neuauflage arbeite, um die Auswirkungen der Globalisierung besser abzubilden. Zurzeit hält er sich deswegen zu Feldforschungen in China auf, wo er die Sozialdemokratisierung der chinesischen KP in Relation zum Output der chinesischen Stahlwerke untersucht.
Tierfreunden wird sein unermüdlicher Einsatz für die Belange der geringelten Haustaube im Gedächtnis geblieben sein, aber er ist auch ein Menschenfreund.
Dass 2005 in mehreren Zeitungen kolportiert wurde, Mierscheid plane den Übertritt zur Linken, muss eine gezielte Indiskretion aus dem Willy-Brandt-Haus gewesen sein, um seine Wiederaufstellung in seinem Wahlkreis zu hintertreiben. Doch so leicht werdet ihr einen Mierscheid nicht los! Weder diese bösen Intrigen noch sein fortgeschrittenes Alter können den letzten echten Sozialdemokraten im Bundestag aufhalten! Jakob Maria Mierscheid, so habe ich aus gut informierten Kreisen erfahren, steht bereit um den von Fettnapf zu Fettnapf taumelnden Kanzlerkandidaten der SPD abzulösen, wenn seine Partei ihn ruft. Wer ihn kennt weiß, dass er auf den letzten Metern einen Wahlkampf hinlegen kann, der Frau Merkel geradezu hinwegfegt. Ich gratuliere diesem beeindruckenden Kollegen ganz herzlich zu seinem achtzigsten Geburtstag und wünsche ihm, dass er noch viele Jahre erfolgreich seine Rolle in der deutschen Politik spielen kann.
Kathrin Vogler
