Zum Anschlag in Norwegens Hauptstadt Oslo - Eine Einschätzung von Kathrin Vogler
Ich bin immer noch fassungslos, wenn ich die Bilder aus Norwegen in der Zeitung sehe. Ein kaltblütiger Mörder hat über 70 Menschenleben ausgelöscht. Auf 1500 Seiten hat er sein verquastes menschenfeindliches Weltbild dokumentiert. Er hasst Muslime, AusländerInnen, Frauen, Linke und noch viele mehr. Im religiösen und rassistischen Wahn fühlt er sich im Recht, Menschen zu töten, weil sie anders denken. Ich fühle mich erinnert an das Massaker von Baruch Goldstein in der Ibrahims-Moschee in Hebron oder an die Bombenanschläge auf dem Münchner Oktoberfest. Ist das der Auftakt zu einer neuen Welle des Rechtsterrorismus? Dabei ist es ja nicht so, dass man nicht damit hätte rechnen müssen. Seit Jahren sind rechtspopulistische, antimuslimische und rassistische Gruppen in ganz Europa im Aufwind.
Die geistige Grundlage dieser Gruppen ist die Überlegenheitsideologie. Das Christentum sei anderen Religionen überlegen, die europäische Kultur der orientalischen, Männer den Frauen usw.
Die Vorstellung, dass alle Menschen mit den gleichen, universellen Menschenrechten ausgestattet sind, dass alle gleich viel wert und gleich zu respektieren sind, ist ihnen ein Gräuel. Aber genau das ist es, worauf unsere politische Kultur fußt: Gleichheit und Austausch. Dass die europäische Kultur beinahe alles, worauf wir so stolz sind, dem arabischen Einfluss im Mittelalter zu verdanken hat, begreifen sie nicht. Ob Mathematik oder Medizin, Philosophie oder Architektur – die fortschrittliche arabische Kultur hat den Europäern im Mittelalter viele Impulse gegeben. Nur die Scheiterhaufen waren eine rein europäisch-christliche Erfindung.
Gegen diese Hassideologen gibt es nur ein Mittel: immer wieder die Gleichheit und Solidarität der Menschen zu betonen, gemeinsam handeln und keinen Fußbreit für Rassisten lassen. Dass jetzt gleich wieder ein Rechtsaußen wie der CSU-Innenminister Friedrich nach einer Verschärfung von Sicherheitsgesetzen und Genehmigung der Datenausspähung, also einer Einschränkung der Freiheitsrechte, schreit finde ich unerträglich. Stattdessen sollte sich die CSU lieber selbstkritisch mit ihrer eigenen Überlegenheitsideologie befassen und ihre Vorstellung von christlichen Werten und der Rolle der universellen Menschenrechte in der Politik überprüfen.
Die Antwort auf diese Gewalt, die der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg gegeben hat, erscheint mir weit angemessener: „Unsere Antwort lautet: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
